Familienmuster verstehen
- Björn Krause

- 12. Mai
- 5 Min. Lesezeit
Vieles, was uns heute beeinflusst, beginnt nicht erst bei uns. Sondern oft lange vorher. In unserer Kindheit. In der Kindheit unserer Eltern. Vielleicht sogar noch früher. Ich habe meinen fast 95-jährigen Großvater im Seniorenheim besucht – weil ich verstehen wollte, was meinen Vater geprägt hat. Und vielleicht auch mich selbst.
Der alte Mann, das ist mein Opa.
Dieser Gedanke trifft mich wie ein Schlag.
Sekunden vorher hatte ich ihn nicht erkannt.
Bevor ich das Seniorenheim betrete, desinfiziere ich meine Hände. Links vom Eingang, nicht weit entfernt von einem großen Aquarium mit bunten Fischen, sitzt ein Mann mit gefalteten Händen. Vor ihm steht ein Rollator. Ein Radio läuft irgendwo im Hintergrund, spielt etwas Poppiges, das seltsam fehl am Platz wirkt.
Der Mann trägt eine hellblaue Bundfaltenhose und einen Nicki-Pullover in derselben Farbe. Seine Haare kleben wie Zuckerwatte um einen Kopf voller Altersflecken. Die Haut seines glatt rasierten Gesichts hängt ein wenig, als wäre sie ihm zu groß geworden.
Ich nicke ihm freundlich zu, will vorbeigehen.
Dann grüßt er.
Ich höre seine Stimme.
Und begreife: Das ist Wilhelm. Mein Großvater.
„Opa“, sage ich. „Ich bin’s. Björn. Dein Enkel aus Hamburg.“
Meinen Großvater so zu sehen, tut weh.
Ich streichle seinen dünnen Oberarm. Er lächelt, nickt. Dann erzählt er von jemandem, den ich nicht kenne.
Eine Pflegerin kommt dazu, spricht ihn etwas lauter an: „Herr Krause, haben Sie verstanden, wer da vor Ihnen steht? Das ist Ihr Enkel, der kommt Sie besuchen.“ Einen Moment lang sagt er nichts, schaut mich nur an, dann ist es plötzlich so, als ob jemand in seinem Kopf das Licht anknipst. „Mein Enkel, Björn?“, fragt er. „Donnerwetter, das ist ja nicht zu glauben!“
Genau das ist es für ihn vermutlich – nicht zu glauben. Weil ich das letzte Mal vor knapp fünf Jahren hier gewesen bin, da war Wilhelm schon 90 Jahre alt. Ich weiß genau, was für eine Überwindung es für mich war, das Seniorenheim zu betreten. Auch heute ist es ein beklemmendes Gefühl. Alle hier ziehen oder schieben etwas: Gehhilfen, Angehörige in Rollstühlen, Servierwagen. Ich erinnere mich auch an das Schamgefühl, das damals in mir aufstieg, wie Quecksilber in einem Thermometer, wenn mich mein Opa auf einmal verwirrt anstarrte. Wenn er mich nicht erkannte oder Geschichten ohne Zusammenhang erzählte, manchmal dieselben dreimal innerhalb einer Stunde. Es überforderte mich, machte mir Angst. Also blieb ich fern. Ich habe den Umgang mit bedürftigen alten Menschen nie gelernt. Und, auch das ist sicherlich ein Grund, wieso ich so selten hier gewesen bin, wir hatten nie ein inniges Verhältnis.
„Ich habe epileptische Anfälle“, sagt mein Opa unvermittelt. „Dann ist hier drin Schicht im Schacht.“ Er tippt sich an die Schläfe. Den ersten Anfall hatte er bereits mit Anfang 70 am Steuer seines Wagens, den er daraufhin in ein Brückengeländer gelenkt hatte. Es waren Bilder in der Zeitung von seinem weinroten Jetta, die Fahrzeugfront in der Luft Richtung Abgrund geneigt. Nach dem Tod meiner Oma, ein paar Jahre später, zog er in eine kleinere Wohnung, wo regelmäßig eine Hilfskraft zum Putzen und Waschen vorbeikam. Aber die Anfälle häuften sich, kamen zunehmend dann, wenn er allein war, zu Hause, beim Spazierengehen. Er fiel einfach um, brach sich Knochen, schlug sich immer wieder den Kopf auf. Mein Vater entschied damals, einen Platz in einem Pflegeheim für ihn zu suchen. Was anderes stand nie zur Debatte.
Ich fand das traurig, konnte aber auch verstehen, dass mein Vater seinen Vater nicht pflegen konnte und auch nicht pflegen wollte. „Er hätte niemals Kinder haben dürfen“, hat er einmal zu mir gesagt. Weil Wilhelm selten daheim war, wegen der Arbeit, wegen des Sports, wegen des Kartenspielens. Weil er streng war. Und weil er schlug, seinen Sohn und seine Tochter, mit der Hand oder einem Kochlöffel. Das könne mein Vater nicht vergessen, hat er gesagt, und verzeihen erst recht nicht. Trotzdem regelt er weiterhin seine Finanzen, klärt Versicherungsfragen, macht Besorgungen und besucht Wilhelm einmal pro Woche.
Diese Widersprüche interessieren mich. Ich möchte Familienmuster verstehen.
Verstehen, wie viel von dem, was wir heute fühlen, denken und tun, viel älter ist als wir selbst.
In den letzten Jahren habe ich mich intensiv mit mir selbst und meinen Themen beschäftigt, auch mit der Beziehung zu meinen Eltern. Wenn ich verstehen will, warum mein Vater ist, wie er ist, muss ich vielleicht noch eine Generation weiter zurück.
Deshalb bin ich hier. Solange das noch möglich ist, denn mein Opa verschwindet jeden Tag ein bisschen mehr. Das mag egoistisch klingen, und vielleicht ist es das auch. Aber ich glaube, dass ich dadurch meinen Vater besser verstehen kann.
Und vielleicht auch mich.

Ich habe Fragen, viele Fragen. Aber Antworten schuldig zu bleiben, das wird schnell klar, ist wohl ein Pfeiler seines verwirrten Charmes. Also sitze ich da und höre zu. „Ich bin ... wir haben ... da war ...“ Manchmal verliert mein Großvater sich in seinen Sätzen. Dann haben sich die Worte, die gerade noch in seinem Kopf gewesen sein müssen, schon wieder aufgelöst, wie Dampf über einem Teekessel, bevor seine Lippen sie zu Lauten formen können.
Und trotzdem gibt es Erinnerungen, die offensichtlich tiefer sitzen als Demenz. Nicht im Kopf. Sondern irgendwo darunter.
„In der Schule habe ich auf einer Bank gesessen, in der ersten Reihe“, erzählt Großvater.
„Der Kranz, Herbert, der saß immer neben mir, immer. Der hat in der Fuldatalstraße gewohnt, über der Metzgerei Siewert."Ganz langsam spricht mein Opa weiter, als müsse er jedes Wort in diesem Moment erfinden.
„Im Oktober 1943 fielen die Bomben.“ Draußen krächzt eine Krähe, im Nebenraum klappert Geschirr.
„Da war er weg.“ Mein Opa schaut geradeaus.
„14 Jahre alt.“
Dann sagt er: „Das ist das einzige Mal … ich schäme mich, das zu sagen … dass mir auf einer Beerdigung die Tränen gekommen sind.“
Mit 15 Jahren musste mein Großvater Schützengräben ausheben und als der Krieg schon als verloren galt, sollte er noch an die Front. Er saß bereits im Zug nach Frankreich, sprang jedoch im letzten Moment unbemerkt ab.
Sein Vater arbeitete in der Panzerherstellung und wurde von Freunden Turnvater Jahn genannt, weil er begnadet war an Barren, Reck und Pferd. Dafür konnte er weder schwimmen noch Rad fahren. Einmal im Jahr machte er mit seinen beiden Söhnen eine lange Wanderung. Mehr als einmal verprügelte er die beiden. Christian ist schon Jahre tot, Wilhelm hat vergessen, dass er nicht mehr lebt. „Mein Bruder ist ein Jahr und sechzehn Tage jünger, und acht Zentimeter größer. Er lebt in einem Haus in ... das ist ... ich ...“ Sie gingen im Streit auseinander.
Mein Opa war ein guter Fußballer und Skatspieler. Heute ist seine Vorstellung von Spaß ein gelöstes Kreuzworträtsel und ein Stück Bienenstich. Er sei zufrieden, erzählt er, und fühle sich hier wohl. „Mit fast 95 Jahren, wenn ich mich heute Abend ins Bett lege, und morgen früh vergessen sollte aufzuwachen, ohne Schmerz, dann wäre das ein gutes Ende. Ich habe neben meiner Frau ein Urnengrab, da komme ich mit rein. Wenig Aufwand. Eine Kanne Wasser, reicht.“
Nebenan zieht ein Bewohner Rotz hoch, ein Pfleger kommt pfeifend vorbei. Was mein Opa den Rest des Tages noch tun würde, möchte ich wissen, und er antwortet, dass er Urgroßvater sei. Er lächelt, ist stolz. Ich zeige ihm ein Foto meiner Tochter auf dem Handy und er macht dabei ein Gesicht, als wären wir gerade mit seinem Rollator auf dem Mars gelandet. „Sind Sie auch hier auf Station?“ Ich erkläre ihm noch einmal, dass ich sein Enkel bin, und verspreche, dass ich ihn bald wieder besuche. „Das wäre nett“, antwortet er und gibt mir zur Verabschiedung die Hand. „Hoffentlich kommt nochmal so ein Tag“, sagt mein Opa. Ich glaube fest daran.
Anmerkung: Mein Großvater ist 2024 friedlich eingeschlafen. Ich bin sehr froh, dass ich ihn nochmal besucht habe. Und traurig, dass ich es nicht öfter getan habe.


Kommentare