Hej SCHAM!
- Björn Krause

- 12. Mai
- 2 Min. Lesezeit
Du rinnst mir von hinten in den Kragen. Breitest dich aus, läufst heiß über meinen Nacken und langsam runter bis in die Socken.
Unangenehm bist du.
So fürchterlich unangenehm, bis hin zur Veränderung meines Blutbildes.
Ehrlich: Fast niemand mag dich. Die meisten wollen, dass du verschwindest.Da tust du mir fast schon wieder leid.
Aber wegen dir mache ich immer wieder Dinge, die ich eigentlich gar nicht will. Prahlen. Mitmachen.
Verstecken.
Andere angreifen, weil sie mit dem Finger auf mich zeigen.
Oder angreifen, bevor sie es tun.
Wir kennen uns schon fast mein ganzes Leben. Und je älter ich werde, desto mehr denke ich, dich verstehen zu können.
Ich glaube, du willst mich gar nicht klein machen. Du möchtest etwas schützen. Etwas Weiches. Etwas Persönliches. Etwas in mir, das leicht verletzt werden kann.
Verwechselt habe ich dich oft mit deiner grausamen Doppelgängerin:der Beschämung.
Während du auf mich aufpasst, macht sie alles und jeden fertig. Sie beleidigt, lacht aus, demütigt, verachtet, führt vor. Sie wertet alle ab, die zu laut, zu leise, zu weich, zu fremd, zu anders wirken.
Es ist schwer, euch zu unterscheiden. Aber wenn es mir gelänge, dann könnte ich mich gegen die Beschämung wehren. Und dich mehr schätzen lernen. Und erkennen, dass du in Sorge bist. In Sorge um mich. In Sorge, dass meine Grenzen der Intimität übergangen werden. Weil du dann so groß wirst, dass ich dich nicht mehr aushalte. Dann mache ich dich klein, falte dich zusammen und sperre dich in eine Kiste, die ich versiegle und unter dem Erdkern vergrabe. Da kommt dann niemand mehr ran. Dann bin ich schamlos.
Werde zu einer Wand aus Beton und Stahl, an der alles abprallt, was da von außen kommt. Leider auch das Weiche, Zärtliche, Liebevolle.
Aber zum Glück bist du noch da. Nicht als Feind. Sondern als Erinnerung daran, dass da etwas in mir ist, das mir viel bedeutet.

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